Zum Schlafen oder bei Gefahr zieht sie sich ins Haus zurück; die gesamte übrige Zeit verbringt sie draußen im Freien. Bei diesem Lebenswandel und der vielen Frischluft ist es kein Wunder, dass sie ein paar Jahrzehnte alt werden kann! Das mit der Gefahr ist allerdings gar nicht so selten. Irgendwie ist sie ein ängstlicher Typ; vielleicht liegt das an ihrer Hypersensibilität? Diese identifiziert bisweilen schon die zarteste, heranwehende Feder als potentielles Risiko, woraufhin schleunigst von ihr Deckung gesucht wird.
Große oder weite Sprünge sind generell nicht ihre Sache. Wichtig ist ihr vor allem ein kurzer Rückzugsweg. Auch wenn sie ins Freie strebt, bleibt sie daher stets unmittelbar vor dem Hauseingang. Noch kein Wesen hat sie je weiter entfernt wahrgenommen. Das rettete dafür schon oft ihre nackte Haut, wenn ein Fremder begehrlich werden wollte. Ihre aufmerksame Vorsicht hindert sie aber nicht daran, dass sie es sich vor der Pforte gemütlich macht; typischerweise liegt sie dort flach auf dem Bauch. Wenn sie könnte, würde sie den Kopf aufstützen, um ihn hin- und herwiegen und bequem ihre Umgebung betrachten zu können. Aber ach, der liebe Gott hat ihr die Ellbögen genommen, ja die ganzen Arme. Das bekümmert sie freilich nicht, sie kennt es nicht anders von ihren Angehörigen. Wenn die Luft rein ist, reckt sie einfach ihren Kopf vor und äugt neugierig rundum. Mit freundlichem Lächeln, ja fast Grinsen blickt sie ihr Gegenüber an. Als ausgleichende Gerechtigkeit für die vorenthaltenen Gliedmaßen kann sie ihre Augen überaus weit hinausschieben, jedes Aug auf einem eigens dafür gewidmeten Stiel. Diese beiden Teleskope wiederum reckt und dreht und krümmt sie in alle Richtungen und erhält damit einen grandiosen Rundumblick. Droht ihr – wenn auch nur vermeintlich – Gefahr, rollt sie die Stiele einfach ein, bis sie mitsamt den Punktaugen zwischen ihren Hautfalten verschwinden.
Alle genannten Besonderheiten wären schon bewundernswert genug. Das wirkliche Markenzeichen ist aber ihr Haus: Kein Ziegelbau, kein Stahlbeton, sondern aus reinem Kalk errichtet. Es ist ohne technische Vorkenntnisse nicht zu realisieren - bestimmt ein Baumeisterhaus. Den Plan hat sie scheinbar abgeschaut: Als Vorlage dienten antike, sich nach oben verjüngende Rundtempel oder vielleicht die Wendeltreppe im Turm zu Pisa. Ihr Haus macht auch bisweilen einen gleich schiefen Eindruck wie jenes Bauwunder, insbesondere wenn sie ihren Körper zur Seite dreht. Das Schwanken des Türmchens ficht jedoch dessen Statik nicht an; es bleibt in sich starr und unbeschädigt. Aber der Vergleich mit den genannten Vorlagen trügt: Gestaltung und Bauweise dieser Häuserform standen schon zu einer Zeit fest, wo es noch keinen schiefen Turm und keinen einzigen Tempel gab, wie geologische Tagebucheinträge in Form von Versteinerungen belegen! Das „Abschreiben“ erfolgte also in umgekehrter Richtung; das Gebilde ist der Art nach sohin uralt. Verzierungen sucht der Neugierige an diesem Kunstwerk umsonst: Die Außenwände sind grau meliert, aber schmucklos; die Innenwände sind durchgehend kalkweiß gefärbt, was geduldige Beobachter zu berichten wissen – sehr geduldige, weil das Hausinnere stets von ihr bewacht bleibt und zu ihren Lebzeiten nicht frei zugänglich ist.
Sie kennt keinen Stress; mit ihrer entspannten Lebensweise strahlt sie eine tiefe Ruhe aus. Das Phlegma zeigt sich vor allem in ihren Bewegungsformen: Nur keine Hast, immer schön langsam, scheint dabei ihr Motto zu sein. Erst einmal die Fühler ausfahren, vorsichtig alle Winkel rundum beäugen, wenn die Luft rein ist, gemächlich die unterste Bauchfalte vorschieben und dann den übrigen Körper nachgleiten lassen. Nicht einmal der Rückzug ins Haus in Momenten der Gefahr wirkt hektisch: Augen einziehen, Luft anhalten, Bauch einrollen, mit dem Rücken voran durch die Eingangsluke gekrochen und im Haus verstecken – all das vollzieht sich zügig, aber unaufgeregt. Außer Haus geschieht die Fortbewegung ohnedies auf einzigartig geruhsame Weise: Kein anderes Lebewesen hat eine geringere „Höchstgeschwindigkeit“. Ihre Familie ist auch der Erfinder eines eigens nach ihr benannten Tempos! Dabei schwebt sie fast über dem Boden dahin. Aufgrund des Fehlens aller Gliedmaßen – sozusagen das Gegenteil zum Tausendfüßler - verwendet sie ein eigenes Band, das sie ständig unter sich ausrollt. Mithilfe dieses Zauberteppichs überwindet sie unversehrt sogar schärfste Kanten, ja geschliffene Klingen, an denen sich jedes andere Lebewesen eine blutige Zehe oder andere verletzte Körperteile holen würde.
Ihr Lebensmittelpunkt liegt in der freien Natur. Sie bevorzugt vegetarische Kost; ihre Lieblingsspeise besteht aus Blättern, vor allem Salat. Diese Ernährung beweist, dass bloßes Gemüse ausreichend Vitalität vermittelt: Das verschafft ihr sogar die Kraft, ihr ganzes Häuschen zu tragen. Wer kann das schon von sich behaupten? Wie einen Rucksack geschultert, wird das Kalkgebilde überallhin mitgenommen; den Grashalm hinauf, quer über die Blätter zur Hauptspeise, den Blütenstängel hinunter, am Mauersims entlang oder direkt über die Terrassensteine. Sie kann sich gar nicht vom Haus trennen, sie lebt gleichsam ständig mit ihrem Wohnmobil im Grünen. Der begeistertste Camper lässt öfter sein Zelt allein, als sie ihr Gartenhäuschen.
Fehlt einem Menschen das Rückgrat, so ist das eine tadelnswerte Eigenart. Die Salatfresserin beweist jedoch, dass die Wirbellosigkeit auch vorteilhaft sein kann und eine faszinierende Gelenkigkeit erlaubt. Was heißt „Gelenkigkeit“ - der ganze Körperbau ist geradezu ein einziges Gelenk, wiewohl er an sich nicht einmal ein richtiges Gelenk umfasst, sondern beinahe nur Muskeln. Dieser Umstand bringt sie zwar auf delikate Speisekarten, erlaubt aber eine unglaubliche Beweglichkeit - zur Seite, mit jedweder Verdrehung, ein Zusammenkrümmen, eine langgestreckte Dehnung, und vieles mehr. Auch akrobatische Nummern gehören zum Repertoire: Halsüberkopf – oder besser Hausunterbauch – überwindet das Naturwunder sogar überhängende Kletterpassagen.
Ihr heimischer Name lässt den Verdacht aufkommen, dass sie dem Alkohol verfallen sei. Kenner der lateinischen Bezeichnung wissen jedoch die Übersetzung zu deuten als „Spirale aus dem Obstgarten“! Der lateinische Begriff für Obstgarten war gleichbedeutend mit dem Weinberg, wie ja auch heute noch vielfach Marillen, Kirschen und andere Obstbäume zwischen den Weinreben gedeihen. Nun ja, und das Wort „Spirale“ erklärt anschaulich die Anordnung von Vorzimmer, Gang, Wohnzimmer und Schlafraum in ihrem Häuschen.
Bei Landwirten wie Gärtnern ist sie nicht vorbehaltlos anerkannt; als Salat- und Gemüsedieb hat sie viel Kredit verspielt. Der Wertschätzung hilft es auch nicht, dass sie dank der Evolution anderen Salatfressern gleicher Art fallweise zuvorkommt, indem sie letztere kannibalenartig vernichtet. Trotz ihres zwielichtigen Rufs hat sie ihren Ehrgeiz in eine Karriere als Fotomodell gelegt. Dank PR-Unterstützung zahlreicher Biologen schaffte sie es mit ihrem Konterfei bereits auf die Titelseite von Kinderbüchern. Und wer weiß, vielleicht kommt eines Tages ihr Haus auch noch in die Architekten-Fachpresse?