Leseproben

Euterpe klopft nicht an

 

 

Ein Mittel der Wahl der Muse sind Worte. Die wachsen nicht am ungepflügten Feld und nicht auf der Plantage. Ihr Entstehungsprozess beginnt mystisch-geisterhaft, verliert sich teils ins Uferlose, und er braucht Phantasie und Willenskraft, bis fallweise eine Knolle zur genießbaren Frucht heranreift. 

 

Zuerst ist da ein Gefühl, eine Stimmung, ja nicht einmal noch eine Idee; unbegreifbar, unbeschreiblich, unendlich. Bisweilen ausgelöst durch eine äußere Erscheinung, wie etwa ein schöner Anblick, ein dramatischer Vorfall, ein faszinierendes Naturphänomen oder eine Begegnung mit interessanten Menschen. Manchmal aber auch hervorgerufen nur durch ein Bild im Kopf, oder besser noch im Herzen. Hirnstürme und Herzbeben brauen daraus schäumende Gedanken. Die Vielzahl anderer Sinneseindrücke übertönt manches, glückliche Fügungen bewahren einen Teil – das muss freilich nicht immer der beste sein! Unbewusst und buchstabenlos entwickelt sich eine erahnte Überschrift, gleichsam ein Arbeitstitel. Ferngesteuert kreist ein Gedanke um dieses Epizentrum, solange diese Stimmung andauert. Von höherer Gewalt gelenkt kreißt sodann die Phantasie; Worte, Phrasen und vereinzelt Reime werden entbunden. Diese verdichten sich ungefragt bis zum lauten, erkennbaren Bewusstsein. In der geistigen, manchmal auch physischen Schublade für Halbfertigprodukte gesellen sie sich zu älteren Leidensgenossen. Manches verharrt lange darin, bis es wieder das Licht der Geisteswelt erblickt, etliches wohl für ewig. Die nicht erzwingbare Fähigkeit, diese Bilder, diese Phrasen, vor allem dieses Gefühl, wieder hervorzuholen, ist der entscheidende Geburtshelfer für alles Vollendete.

 

Schemenhafte Figuren und Gegenstände verharren anfangs frei und ungebunden, sind mangels Verortung noch ohne Zeit und ohne Raum. Die Phantasie – soweit entfesselt - greift lenkend-helfend ein, Umrisse werden klarer, Gesichts- und Wesenszüge erkennbar. Dann braucht´s wortschöpferischen Einfallsreichtum und lyrisch-metrisches Handwerkszeug, damit der Vers wächst, ungebundene Formen warten auf Gliederung und jeder Text schließlich auf Hinführung zum passenden Ende. 

 

Phasenweise zeigen sich allergrößte Unterschiede in der geistigen Gelenkigkeit und im kreativen Drehmoment; gleich einem Vulkan, der wochenlang ruht, dann urplötzlich eine hochaufsteigende Eruption gebiert. Wie ein galoppierendes Ross, das sich nicht und nicht einfangen lässt, springen am einen Tag die Gedanken vor und zurück und auch wieder davon. Nur Fransen der Mähne lassen sich bisweilen erhaschen, dann verliert sich das Pferdchen wieder in der freien Wildbahn. Am anderen Tag müht sich ein Regenwurm, wenn sich Silbe für Silbe mühsam vorwärtsschiebt, und der manchmal die gerade geschaffenen Freiräume sofort wieder mit schalem Erdreich zuschüttet. Mittendrin rinnen flüssige Wendungen über eine Wasserrutsche, dann wieder stolpern staksige Silben am holprigen Güterweg und bleiben im Morast stecken. 

 

Tja, sperrige Gedanken kommen nicht in Form. Mit Hartem, Eckigem kann lyrische Gestalt sich nicht ergeben, Geschmeidiges nur lässt sich fügen. Gedanken müssen quellen, fließen, unbegrenzt wachsen und frei. Störendes Beigewächs muß gerupft werden, am Buchstabenkompost möge daraus neues Wort gedeihen. Wie bei einem Steinmetz werden die überflüssigen Silben aus dem Text hinweggestemmt, bis die Wahrheit – das tatsächlich Gesehene, Erfühlte, Geträumte - in reiner Form zu Tage tritt.

 

Oft genug sprudeln Ideen und Phrasen zu den unmöglichsten Zeitpunkten hervor, sodass es schwierig ist, sie den flüchtigen Gedanken zu entreißen, bevor sie wieder dem Bewusstsein entschwinden. Aus dem Festgehaltenen die Spreu vom Weizen zu trennen, es bei (meist nötigem) Bedarf umzugießen und schließlich zu einem gefälligen Abschluss zu bringen, verlangt sodann Muse wie auch Muße. Im Gegensatz zur ersteren drängt sich aber die letztere nicht von selbst auf, was gleichermaßen Schwierigkeiten bereitet! Die Wortlese muss gegen viele Mitbewerber um die Zeit bestehen.

 

Warum bloß schreibt, textet, schriftstellert, reimt oder gar dichtet jemand so dahin? Nun, die Phantasie klopft nicht an, bevor sie den Raum betritt! Sie erklärt sich auch nicht, warum sie überhaupt kommt. Sie ist plötzlich da, so wie ein Kribbeln in der großen Zehe. Es stellt sich also nur die Frage, wie man auf den Gast reagiert: Arrogant überhören, kindlich spielen, ernsthaft disputieren oder eifernd wettstreiten. Selbst die Ignoranz jedoch schützt nicht davor, dass die Phantasie jemanden wiederholt anfällt. Ab und zu ist sie sogar verspielt und fast zum Stänkern aufgelegt, allenthalben schubst sie in den Rücken oder stellt ein Bein – da kann es gar nicht gelingen, sie sich aus dem Kopf zu schlagen. So richtig angestachelt wird sie durch eine Wechselrede mit der Seele. Dabei lässt sie gerne eine verschlossene Schatztruhe erkennen – halb versteckt unter ihrem Mantel. Nach und nach lüftet sie daraus ein Geheimnis nach dem anderen; zumindest für den enträtselbar, der das Offenbarte eifrig sammelt und aufbewahrt.

 

Manche Silben-Rebensäfte gehören frisch gezapft. Andere benötigen Reifezeit; kellerfassgelagert und mehrmals bei Licht auf Gehalt geprüft, vereinzelt dann abgefüllt, werden später sie erst eingeschenkt. Leichtfüßiges dient zum Drüberstreuen, schwerer Tobak passt nur bei handfestem Untergrund. Jede Abfüllung verdient ein gediegenes Etikett, das sich während der Lagerung teils wiederholt ändert. Mit Bedacht gewählt gehört schließlich der Moment des Entkorkens, soll doch die im Saft gebündelte Phantasie auch den davon Naschenden berauschen. 

 

Der literarische Schaffensprozess braucht alle dienstbaren Musen: Euterpe – die Lyrik, Erato - die Liebesdichtung, Thalia – die Komödie und Polyhymnia – die Liederreiche bilden den antiken Viergesang. Zu ihnen gesellen sich in den Olymp aufgestiegene dichterische Halbgötter, aus Klassik, Romantik oder anderen Zeiten, die leuchtend voranschweben. Ihnen allen zu opfern bringt reichen Segen. Wirken sie zusammen, glücken herzhafte Solostücke wie dramatische Symphonien. Ihnen Herold sein zu dürfen, bringt befriedigende Dankbarkeit.

Und für wen das Ganze? Für wen!? Welch seltsame Frage! Sie stellt sich nicht, wenn die Muse in der Tür steht und eingelassen werden will. Sie stellt sich auch nicht, wenn die Phantasie durch die Hand aufs Papier rinnt. Sie stellt sich auch nicht, wenn Halbfertigprodukte entgegen lachen und vorwurfsvoll nach Vollendung flehen. Die kreisenden Gedanken sind schlichtweg wie Ballast, der abgelegt werden will. Erst dann, erst nach Reifung, Abfüllung und Etikettierung kommt die Suche nach dem geeigneten Aufstellort für das Gebinde, und bisweilen auch nach dem Sommelier, der den Korken ziehen soll. Das mag in der Ferne passieren, in Abwesenheit des Wortjongleurs. Wenn dann der Klang der mit seinem Saft befüllten Gläser dereinst bis an sein Ohr dringt, möge dieser weder von Schmeichelei noch von Häme geleitet sein, sondern vielmehr immer offen und ehrlich.